Wer versorgt den Fisch, wenn ich nicht mehr da bin?

General-Anzeiger Bonn vom 11.12.2012

 

"Hallo ich bin Julie. Ich werde bald Selbstmord begehen." Das sind die ersten Worte im Stück "NORWAY. TODAY", das von Suizidgefährdeten handelt. Die beiden Schauspieler im zweiten Ausbildungsjahr, Julia Stiller und Jonas Herkenhoff, führten das Stück am Freitag auf der Studiobühne Siegburg auf. Es basiert auf einer wahren Begebenheit, aus der der Theatermacher und Autor Igor Bauersima ein Theaterstück entwickelt hat.

 

Julie und August verabreden sich im Internet zum Selbstmord. Julie glaubt bereits alles erlebt zu haben. Für August gibt es im Leben nichts Echtes. Gemeinsam reisen sie an einen norwegischen Fjord, um sich dort von einer Klippe zu stürzen. Alles ist perfekt geplant: das Zelt auf der Klippe, die Schlafsäcke und die Kamera, um ihren Angehörigen letzte Botschaften zu hinterlassen. Doch dann kommt alles anders. Das Leben holt sie ein: Das Polarlicht, die Liebe und die Frage, wer eigentlich den Goldfisch versorgt. Plötzlich wissen August und Julie nicht mehr, warum sie eigentlich sterben wollen.

 

Auf eine tragisch-komische Weise und mit einer gehörigen Portion Ironie interpretieren die beiden Schauspieler das ernste Thema. Dazu gehört unter anderen auch ihr Auftritt in schweißtreibenden Skianzügen. Neben der schauspielerischen Leistung lässt der Einsatz moderner Medien das Stück verblüffend authentisch und realitätsnah wirken. Videobotschaften an die Hinterbliebenen und Bilder aus der Kindheit werden auf eine Leinwand projiziert und zeigen die Aktualität des Stücks.

 

"Um sich auf das heikle Thema vorzubereiten, mit dem beide noch nie in Berührung gekommen sind, haben die Schauspieler zunächst in Internetforen zum Thema Selbstmord recherchiert", erzählte René Böttcher, Regisseur und Leiter derSchauspielschule Siegburg sowie künstlerischer Leiter der Studiobühne Siegburg. in den darauffolgenden Proben haben sie sich dem Thema mit Gesprächen angenähert, um sich in ihre sensiblen Charaktere Julie und August hineinzuversetzen.

 

"Da das Stück vor allem der Aufklärung dient, kann ein Besuch auch von Schulklassen gebucht werden", sagte Böttcher. Eine weitere Aufführung von "NORWAY. TODAY" findet am Samstag, 26. Januar, ab 20 Uhr statt. Neben dem Theaterstück "NORWAY. TODAY" fand am Wochenende auch der Aktionstag des Kinder- und Jugendtheaters Theater Tollhaus statt. Nach der Eröffnung durch Bürgermeister Franz Huhn präsentierten die Jugendlichen die Ergebnisse der wöchentlich stattfindenden Theaterkurse in der Studiobühne Siegburg.

Ein besonderer Höhepunkt der Veranstaltung war die Tanztheaterpremiere "Lebenslust". In diesem Stück gewähren acht junge Damen einen Einblick in ihr Chaos und ihre Freude sich ins Leben zu stürzen - mit jedem Schmerz und mit aller Lust. Außerdem erhielten die Besucher einen Einblick in die aktive Probenarbeit. Sie erfuhren, wie mit Kindern gearbeitet wird und wie Theaterspielen überhaupt funktioniert.

Von Isabel Günther

 

 

Vor dem Selbstmord Brötchen schmieren

Rhein-Sieg Rundschau vom 12.09.

 

Das Thema vom Theaterstück ist düster, die Inszenierung dagegen gar nicht: Julie (Julia Stiller) und August (Jonas Herkenhoff) verabreden sich zum Selbstmord. In einem Chatroom schreiben sie, beschließen, in Norwegen von einer Klippe zu springen. Alles ist geplant, Zelt und Proviant gepackt, der Entschluss scheint endgültig.

 

"Was ist überhaupt echt hier?" will August zu Beginn von Igor Bauersimas Stück "Norway.Today" wissen. Für ihn ist alles in der Welt gestellt und voll von Lügen. Nur wenn er rennt, seinen Atem und seine Schritte hört, fühlt er sich lebendig. "Aber man kann ja nicht immer rennen", erklärt er seine Entscheidung zum Selbstmord. Auch Julie fühlt, dass sie nicht in die Gesellschaft passt, sieht sich in eine Rolle gezwängt. Sie möchte fliehen, aber eben nicht allein. "Das ist kein plötzlicher Entschluss, ich habe lange nachgedacht", beteuert sie. Sie behauptet, schon alles erlebt, alles gesehen zu haben, sei es auch nur im Fernsehen oder Internet.

 

Die Umsetzung des sperrigen Themas ist gut gelungen- und amüsant. Wenn August Julie im Chat schreibt: "Sterben? Ja, hab ich auch vor, ich komme mit- soll ich belegte Brötchen schmieren?" - dann wirkt das auf tragische Weise komisch. Beide Jugendlichen hängen am Leben, scheinen aber ihre Gründe gefunden zu haben, es zu beenden. Sie philosophieren, hinterfragen, mal emotional, mal bissig-ironisch, streiten und vertragen sich. Das Leben scheint sie einzuholen, und die Frage, warum sie sich zum Selbstmord getroffen haben, wir immer drängender.

 

Die beiden Schauspieler haben gleich zwei Herausforderungen zu meistern: Auf der einen Seite müssen sie die empfindsamen Charaktere und das heikle Thema mit Fingerspitzengefühl umsetzen. Zum anderen tragen sie fast durchgängig dicke Ski-Anzüge - spielt doch die Handlung an Norwegens Fjorden.

 

Regie führte René Böttcher, Leiter der Studiobühne. "Das Stück ist sehr aktuell", sagt Böttcher. "In einer Zeit, in der Jugendliche weniger Gefahren als den Generationen vor ihnen ausgesetzt sind, scheinen viele von ihnen nicht richtig ins Leben zu gehen, alles bleibt an der Oberfläche." Und vor eben diesen Problemen stehen auch die beiden Protagonisten.

Von Marie Eckert

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(Foto: Robert Stiller)