Dantons Tod - Revolution ist aktuell auch nach 200 Jahren

Rhein-Sieg Rundschau vom 20. Juni 2014

 

SIEGBURG. Einen Vorhang hat die Studiobühne nicht, und deswegen wird es erst einmal dunkel, bevor das Stück anfängt. "Just a perfect day" von Lou Reed dudelt da aus dem Off und man könnte sich wohlfühlen, könnte sich freuen an dem nostalgischen 70er-Jahre-Song, flimmerten da nicht gleichzeitig diese Bilder über die Leinwand. Erschreckend aktuelle Aufnahmen von erschreckend gewalttätigen Auseinandersetzungen - martialisch aussehende Soldaten, Wasserwerfer, schreiende Demonstranten aus Berlin, aus Hamburg, aus Frankreich.

 

Mit dieser Einführungsszenerie macht Regisseur Bardia Rousta gleich zwei Dinge klar: Das Stück, das er inszeniert hat, "Dantons Tod" ist kein Wohlfühlstück; nichts zum Lachen, zum Fallenlassen jedenfalls. Und: Der vor beinahe 200 Jahren entstandene Text von Georg Büchner hat für Rousta hohe Aktualität.

 

Welches ist die richtige Revolution, wie radikal muss gedacht, wie kompromisslos gehandelt werden? Darüber streiten sich in Büchners Stück Danton und Robespierre mit ihren Anhängern. "Wo die Notwehr aufhört, fängt der Mord an", das ist ein Schlüsselsatz Dantons, doch Robespierre kontert: "Die soziale Revolution ist noch nicht fertig; wer eine Revolution zur Hälfte vollendet, gräbt sich selbst sein Grab." Arash Nayebbandi als Danton vertritt seinen Überdruss, seine Gewissensqualen nach den Septembermorden mit großer Leidenschaft. Intensiv, vielleicht zu sehr, agiert der junge Schauspieler, Erstsemester, die Verzweiflung und Selbstzerfleischung aus, sehr klar, mit großer Bühnenpräsenz gibt Jonas Herkenhoff Robespierres Blutrausch fast kalte Konturen.

 

Büchners Sätze, ein jeder von ihnen ein Kunstwerk, lassen sich nicht leicht sagen. Spürbar tief eingelassen auf diesen Text haben sich auch Judith Loeffen als Dantons Frau, Franka Fischer, die die Lucile spielt, Christian Reinecke als Collot d'Herbois, Marana Hartock in der Rolle des Saint Just, Robin Smets als Philippeau und - mit großer Einfühlsamkeit - Camille, die Weggefährtin Dantons , gespielt von Marian Hentschel.

 

"Ein tolles Ensemble", lobt Regisseur Rousta die durchweg junge Riege. Mit der er immer wieder den Bogen in die Gegenwart schlägt. Immer wieder spiegelt er die Grausamkeit der französischen Revolution vergangener Zeiten mit seiner aktuellen Filmprojektion zu verhangenen Musiktönen des Arvo Pärt. "Wir leben in einer Zeit in der das Kapital entscheidet wer, wie, wann und wo leben darf, produktiv ist", erklärt Bardia Rousta schon in seiner Einführung , "eine Zeit, in der die Politik vorgibt eine Demokratie zu sein und die Menschen in der Illusion leben, die Wahl zu haben."

 

Die nächsten Aufführungen nach der Sommerpause im September in der Humperdinckstraße 27.

 

Von Dörte Staudt

 

 

Übermacht des Kapitals

General Anzeiger Bonn, 6. Juni 2014

 

SIEGBURG. Mit seiner Inszenierung von "Dantons Tod" nach Georg Büchner und Nuran David Calis auf der Studiobühne Siegburg schlägt Regisseur Bardia Rousta eine Brücke aus dem 19. ins 21. Jahrhundert. Seit 1835 habe sich nichts verändert, alles, was man sich durch die Revolution erhofft habe, sei bis heute nicht erreicht. Voller Einsatz: Bis zur Erschöpfung verausgaben sich die jungen Schauspieler und überzeugen ausnahmslos in ihren bedrückenden Rollen.

 

Auch aktuell gelte: "Egal, welchem Menschen du Macht gibst, er wird sie missbrauchen", so Rousta. Büchner beschreibt, wie aus Kampfgefährten Todfeinde werden. Robespierre bringt Danton aufs Schafott, der Revolution folgen Diktatur und Terror.

Danton, einst Initiator der Revolution, ist müde geworden, allerdings nicht aus moralischen oder ideologischen Gründen, sondern weil ihm die Brutalität der Revolutionäre, mit der sie sich seiner Meinung nach von den gemeinsamen Zielen entfernt haben, zuwider ist. Er widmet sich dem Hedonismus.

 

Für Robespierre, der Askese predigt, begeht er damit Verrat. Rousta nimmt den Machtkampf bei Büchner auf, ohne dessen Sprache zu verfälschen, und fragt: "Was ist aus der Revolution und ihren sozialen Errungenschaften geworden? Wo sind die Ideale der Solidarität, des Humanismus oder des Respekts? Wir leben in einer Zeit, in der das Kapital entscheidet, in der die Politik vorgibt, demokratisch zu sein, und die Menschen in der Illusion leben, die Wahl zu haben."

 

Als Beweis für seine These führt der gebürtige Iraner die "68er Generation" an, die weitaus schlimmere Zustände geschaffen habe, als sie vor dem "Marsch durch die Institutionen" bestanden. Der Regisseur zeichnet ein düsteres Bild vom Kapital, das in seiner Übermacht alle sozialen Errungenschaften zunichte gemacht habe.

Er möchte wissen: "Was geschieht mit denen, die nicht mitmachen oder sich sogar auflehnen?" Rousta hält die Zeit wieder "reif für eine neue Revolution", für einen Neubeginn. Aber die, die einen solchen "Aufstand" initiierten, dürfen anschließend - so die Lehre der Geschichte - nicht zu "Strippenziehern" werden.

 

Für "Dantons Tod" hat Bardia Rousta acht Schüler der Schauspielschule ausgewählt, die ihren jeweiligen Part mit vollem Körpereinsatz bis zur Erschöpfung und absolut überzeugend spielen. Die karge Bühnenausstattung besteht aus einem transparenten Kunststoffvorhang, hinter dem die Akteure nach ihrem jeweiligen Auftritt verschwinden und regungslos verharren.

 

Auf diesen Hintergrund werden immer wieder Filmausschnitte projiziert, die das Aufeinandertreffen von Demonstranten und Polizei zeigen und mit den Texten der einzelnen Grundgesetzartikel unterlegt sind.

Bardia Rousta weist auf Missstände hin, provoziert und macht dennoch Hoffnung. Ein Theaterabend, der berührt, zum Nachdenken anregt und Aufforderung zur Rückbesinnung auf Werte ist.

 

Von Paul Kieras

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